Manchmal erkennen wir erst im Rückblick, wie weit wir uns von uns selbst entfernt haben. Wie sehr wir funktionieren, während unser Innerstes längst nach einem anderen Rhythmus ruft.
Ich sehe mich noch heute stundenlang auf dem Sofa liegen, hoffend, dass die Zeit vergeht, bis ich endlich wieder schlafen konnte. Freunde hatten selten Zeit – sie arbeiteten ebenfalls im Schichtdienst. Meine Familie lebte viele Kilometer entfernt – kein spontaner Kaffee, kein Besuch meiner Schwester und ihren Kindern.
Fünfzehn Jahre lang lebte ich nach der Uhr anderer. Nachtschichten, Frühdienste, Spätschichten – mein Rhythmus war ständig im Wandel. Und ich mit ihm. Wenn ich den neuen Dienstplan erhielt, fiel ich jedes Mal in eine kleine Krise. Dieses Gefühl, verplant zu werden, war schrecklich. Warum
immer diese kurzen Wechsel? Warum Nachtdienste? Am Tag konnte ich einfach nicht schlafen – es ging nicht. Ich hatte kaum eine Ahnung, was mich wirklich interessierte, weil meine freien Tage nur dem Erholen galten – und selbst darin verlor ich mich oft.
Als Pflegefachfrau war ich es gewohnt, für andere da zu sein. Ich konnte mit wenig Schlaf funktionieren, ruhig bleiben im Chaos, weitermachen – auch wenn mein Körper längst nach Ruhe
rief. Ich dachte, das sei normal. Erwartet. Sogar richtig.
Mein Nervensystem hatte keinen Rhythmus mehr. Kein Gefühl von Sicherheit. Keine Zeit, wirklich anzukommen.
Doch mit der Zeit begann sich etwas zu verändern. Nicht in meinem Dienstplan – sondern in mir. Da war es wieder, dieses unverkennbare Zeichen des Universums. Der Velounfall mit der Schlüsselbeinfraktur hatte noch nicht ganz geholfen. So wurde mir eine weitere Situation geschickt, durch die ich erkannte, in welch toxischen Arbeitsbedingungen ich war.
Selten war ich so mutig und beschloss, die damalige Stelle zu kündigen – mag kommen, was will. Vermutlich war es genau diese Entschlossenheit, die mich meine jetzige Stelle im regelmässigen Umfeld finden liess. Weiterhin als Pflegefachfrau, denn ich sehe die Arbeit nach wie vor als
sinnvoll. Ich hatte nicht erkannt, wie tief in mir der Glaube sass, ich müsse immer funktionieren, verfügbar sein, mich selbst für das System aufopfern.
- Der Körper vergisst nichts
Mein Körper ist nicht einfach „zurückgesprungen“, als ich aufhörte. Er brauchte Zeit. Geduld. Zuwendung. Nervensystem-Regulation wurde zu einer täglichen Praxis – kein einmaliges „Reparieren“. - Routine ist nicht langweilig – sie heilt
Zur selben Zeit aufstehen. Regelmässig essen. Abends zur Ruhe kommen. Diese einfachen
Rhythmen sind heute heilig für mich. Sie erden mich. - Ruhe ist keine Faulheit
Früher hatte ich Schuldgefühle, wenn ich ruhte – als müsste ich sie mir erst verdienen. Heute weiss ich: Ruhe ist die Basis von allem. Kein Luxus, sondern ein Recht. - Du kannst nicht an dem Ort heilen, an dem du krank geworden bist
Erst als ich die Schichtarbeit hinter mir liess, konnte ich wirklich zu mir zurückfinden. Mein Nervensystem fand endlich die Bedingungen, die es brauchte, um weich zu werden, um zu atmen, um sich neu zu kalibrieren.
Wenn du seit Jahren Schicht arbeitest und dich irgendwie „nicht richtig“ fühlst – auch wenn du es nicht genau benennen kannst – dann möchte ich, dass du weisst: Es ist nicht nur in deinem Kopf.
Dein Körper erinnert sich – an jede schlaflose Nacht, jede ausgelassene Mahlzeit, jeden Adrenalinschub.
Und selbst wenn du im Schichtdienst bleibst, weil im Moment keine andere Möglichkeit sichtbar ist – es gibt Wege, dich trotzdem zu regulieren. 🌿 Kleine Pausen für bewusste Atmung. Ein kurzer Moment Sonne auf der Haut. Ein Ritual am Morgen oder Abend, das dich zu dir zurückbringt.
Solche kleinen, wiederkehrenden Gesten signalisieren deinem System: Ich bin hier. Ich bin sicher.
Ich bin wichtig.
Heilung ist möglich. Langsam. Sanft. Und zutiefst lohnend. Du bist nicht kaputt. Du bist müde. Und du verdienst ein Leben, das dich nährt, statt dich zu erschöpfen. Ein Leben, das deine Ganzheit trägt – nicht eines, das dich immer wieder dazu bringt, sie zu verlassen.
Heute weiss ich: Heilung ist kein Ziel, sondern eine Rückkehr – Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug – in den eigenen Rhythmus. In einen Körper, der wieder spürt. In ein Herz, das wieder vertraut. In ein Leben, das getragen ist von Balance, Verbindung und Wahrheit.
Dieses Kapitel liegt nun schon fast neun Jahre zurück, und ich sehe deutlich, wie sehr es mich geprägt hat – und wie sehr Heilung und Stabilität seitdem gewachsen sind. ✨
Mit Liebe,
Birgit

Wenn dich diese Worte berühren, möchte ich dir etwas schenken: das 3. Lied aus meiner persönlichen Playlist — ein Stück, das mich begleitet hat, wenn mein Körper nach Ruhe rief, mein Nervensystem sich verlangsamte oder ich mich selbst wieder spüren wollte.
Du erhältst es, wenn du dich für meinen Newsletter einträgst — einen Raum voller Reflexionen, Musik und kleiner Einladungen, immer wieder zu dir selbst zurückzufinden.
Möge dieses Lied dich erinnern, innezuhalten, bewusst zu atmen, dich zu spüren und sanft zu dir zurückzukehren — Schritt für Schritt, in deinem eigenen Rhythmus.
